"Die Presse" vom 01.02.2005 Seite: 22
Ressort: Economist
Abseits von Buerlecithin
Die Hälfte der Kaufkraft liegt bei den
Über-Fünfzigjährigen. Neue Strategien in Medien und Marketing sollen sie nun
besser ansprechen.
Von Christina Böck
Wien. Neckisch lacht sie vom Plakat, mit ihrem seidenen Turban. Seit
Herbst ist Irene Sinclair das neue Gesicht der Kosmetikfirma "Dove".
Irene Sinclair ist 96 Jahre alt. Sie ist Teil einer Werbekampagne, die gegen
Stereotypen der Schönheit ankämpfen will. "Dove" macht schon seit
einiger Zeit Werbung mit Menschen, die nicht dem herkömmlichen Schönheitsbild
entsprechen. Im Frühjahr 2004 machte eine erfolgreiche Kampagne mit
vollschlanken Frauen, die für hautstraffende Körperlotion warben, den Anfang.
Eine von Unilever in Auftrag gegebene Studie besagt, dass 97 Prozent der
englischen Mädchen zwischen acht und 13 Jahren glauben, dass alte Menschen
nicht schön sein können. Die Londonerin Irene Sinclair straft diese Mädchen
nun Lügen: "Ich bin mein Leben lang nicht schön gewesen - aber jetzt fühle
ich mich schön", sagt sie. "Ich mache bei dieser Kampagne als
Botschafterin für ältere Menschen mit und möchte zeigen, dass wir noch viel
zu bieten haben und nicht überholt sind."
In dieselbe Kerbe schlägt auch die EURAG, eine europaweite
Non-Profit-Organisation, die sich für die Interessen der Generation 50plus
einsetzt. Um die Darstellung dieser Generation zu verbessern, wurde am Montag im
ORF ein Handbuch für Journalisten vorgestellt. "Age into Focus" soll
den Mittelweg zwischen zwei vorherrschenden Klischeevorstellungen ebnen:
Einerseits die Darstellung der gebrechlichen, hilfsbedürftigen Alten,
andererseits die "weißhaarigen Party-Menschen in den teuren
Sportautos", wie es Sozialministerin Ursula Haubner formulierte. Beide
Bilder entsprechen nicht ausreichend der Realität, so die EURAG. Der ORF hat
seine Bildspeicher von als diskriminierend empfundenen Bildern von Senioren auf
Parkbänken befreit. ORF-Generaldirektorin Monika Lindner will die "merkwürdige
Demarkationslinie", die die junge Zielgruppe (12 bis 49-Jährige) und die
alte (50plus) trennt, aufweichen. Denn, das ist allen klar, die Zukunft liegt in
den Händen der Alten. Die demografische Entwicklung zeigt, dass in den nächsten
Jahren diese Zielgruppe um 75 Prozent wachsen wird, während die junge
Zielgruppe um nur ein Prozent zulegen wird.
Creme gegen echte Falten
Immer häufiger werden nun ältere Menschen in Werbekampagnen abseits von
Buerlecithin und Blasentee in den Vordergrund gerückt. Ein älterer Mann kocht
gut gelaunt mit "Uncle Ben's Express-Reis". Eine Seniorenparty gerät
aus den langweiligen Fugen, weil "Celebrations"-Schokolade vom Himmel
fällt. Lange bevor "Dove" eine 96-Jährige vor die Kamera bat,
schaffte "Nivea" die "Revolution", eine tatsächlich faltige
Frau für Faltencreme werben zu lassen. Hinter diesem Coup steckte Senioragency,
eine Agentur mit Sitz in Frankreich, die sich auf Senior-Marketing spezialisiert
hat. Der Geschäftsführer der österreichischen Niederlassung, Peter Schilling,
zur "Dove"-Kampagne: "Prinzipiell freu ich mich, weil die Aktion
das unterstützt, wofür wir apostelnd durch die Marketing-Welt ziehen."
Senioragency gehe es aber auch darum, einen Konsumenten-Nutzen speziell für die
Generation 50plus anzubieten. Anders gesagt: Wenn die Seife oder Creme so
verpackt ist, dass sie ein älterer Mensch nicht öffnen kann, oder die Schrift
so klein ist, dass sie ein älterer Mensch nicht lesen kann, dann bringt das
96-jährige Model dem 50plus-Konsumenten auch nichts.
Oft nur als Gag missbraucht
Die alten Menschen in der Werbung verschwinden aber oft genauso schnell wieder, wie sie aufgetaucht sind. Iglo etwa warb mit einer agilen 60-Jährigen, heute erinnert sich kaum jemand mehr. Ist der Einsatz von alten Menschen in der Werbung nicht oft auch einfach nur ein kurzlebiger Gag? "Ja, das ist schon oft ein Attention-Getter", so Schilling. Warum sich ein Umdenken nicht durchsetzt, "das fragen wir uns auch, ehrlich gesagt". 2004 gingen 95 Prozent der Werbeausgaben an die junge Zielgruppe, nur zwei Prozent gingen an gezielte Maßnahmen für die 45plus-Generation. "Die jungen Alten sind aber die interessanteste Zielgruppe, die ewige Zielgruppe für die nächsten 30 Jahre. Es kann einem eigentlich nichts passieren, wenn man mit denen mitgeht", erklärt Schilling. Einige Unternehmen hätten aber schon verstanden, wo das Geld ist. So arbeitete Senioragency etwa mit T-mobile zusammen. Denn nur bei Älteren wäre noch ein Markt für Handys, der noch nicht ausgeschöpft ist. Es wurde unter anderem eine eigene Gebrauchsanweisung erstellt, die die Vorteile des Mobiltelefons und seinen Sicherheits-Nutzen herausstreicht.
"medianet"
Nr. 582/05 vom 02.02.2005
Seite: 6
Von:
Dinko Fejzuli
Umdenken
Trotz 50% der heimischen Kaufkraft wird die Generation ab 49 von den Werbern
nahezu ausgeblendet
Die
Generation "50plus" - ins tote TV-Eck gedrängt
EU-Projekt
"Age into focus" soll bei TV-Journalisten den Sinn für realitätsnahe
Berichterstattung schärfen.
Wien. Montag dieser Woche stellte ORF-Generaldirektorin Monika Lindner im
Beisein von Sozialministerin Ursula Haubner und EURAG-Geschäftsführerin Erika
Folkes das im Rahmen eines EU-Projekts erstellte Medienhandbuch "Age into
focus" vor.
EURAG-Österreich (Europäische Arbeitsgemeinschaft), die hiesige Plattform der
gemeinnützigen EURAG, die in 34 Staaten die Interessen der älteren
Generationen vertritt, ist der ausführende Österreich-Partner von "Age
into focus".
In einem Schulungsprogramm mit speziell erstellten Info-Materialien sollen vor
allem Jungjournalisten ein realitätsnaher Umgang mit dem Thema "Die
Generation 50plus in den Medien" nähergebracht werden und damit die
Generation abseits von 14-49 mehr ins Bewusstsein rücken.
(Un)sinnige Einteilung
Ihren Ursprung hat diese, eigentlich willkürliche, Einteilung "14-49"
in den USA: Dort unterlag der TV-Sender ABC kontinuierlich bei den Quoten seinen
Konkurrenten CBS und NBC; Grund dafür war die Fokussierung von ABC auf ein eher
jüngeres Publikum. Um die eigenen Quoten zu "optimieren", führte der
Sender kurzerhand die Zielgruppe der 18- bis 49-Jährigen ein. In Europa kam
diese Einteilung mit dem Eintritt der privaten TV-Anstalten in Deutschland in
Mode.
Dieser Entwicklung konnte sich auch der ORF nicht verschließen, so Monika
Lindner: Trotzdem versuche man verstärkt die werbetreibende Wirtschaft von der
"Unsinnigkeit" dieser Einteilung zu überzeugen. Dieses sei aber äußerst
mühsam und werden sicherlich noch "geraum Zeit brauchen", so die
ORF-Generalin.
Um gegen die "merkwürdige Demarkationslinie" und einen
"Beinahe-Ausschluss der Generation 50plus" anzukämpfen, so Lindner,
habe der ORF seit Juni 2002 die sogenannten "Sinus-Milieus" als
Zielgruppenmerkmale in den Teletest integriert.
Psychologie in den Mediaplan
Die "Sinus-Milieus" stellen eine Gruppierung von Personen im Bezug auf
bestimmte Werteinstellungen dar und beziehen sich nicht nur auf das Alter der
Zielgruppe. Das "Age into focus"-Medienhandbuch (Arbeitsmappe und DVD)
soll vor allem TV-Journalisten und Programm-Machern helfen, ein realitätsnäheres
Bild der über 50-Jährigen in den Medien zu zeichnen.
Laut einer Studie der Karmasin Marktforschung finden 39% der Befragten (n=500 über
50 Jahre) ihren tatsächlichen Lebensstil in den Medien nicht adäquat
wiedergegeben. "Der am Bankerl sitzende und Tauben fütternde Pensionist
spiegelt längst nicht mehr die Realität wider", so auch die ORF-Generalin
über manche in den Medien noch immer transportierte Stereotypen über Menschen
im fortgesetzten Alter. Allerdings führe laut Studie das Bild des aktiven,
dynamischen und agilen Rüstigen über 50 auch unweigerlich zu einer
klischeehaften Darstellung im TV: Vor allem ältere Menschen aus dem ländlichen
Raum finden sich in den TV-Rollenbildern, die ihnen zugeschrieben werden.
Keine "Privaten" im Boot
"Age into focus" entstand übrigens ausschließlich unter Mitarbeit öffentlich-rechtlicher
TV-Sender: Neben dem ORF nahmen die italienische RAI und die Netherlands
Broadcasting an den zweijährigen Vorbereitungen zum Projekt teil.
Seitens der privaten TV-Anstalten hätte sich "keine einzige" bereit erklärt, an der Erstellung des Medienhandbuches mitzuarbeiten, erklärte EURAG-Geschäftsführerin Erika Folkes.
"Neue
Kronen-Zeitung" vom 03.02.2005
Seite: 12
Vor
dem Durchbruch der Schallmauer
Gut zwei Monate noch, dann fliege auch ich aus der begehrten und umschmeichelten
Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Was wird dann aus mir? Werde ich die
Schallmauer durchbrechen?
Im Vorfeld habe ich ein paar Studien an lebenden Objekten machen dürfen, die
ihren fünfzigsten Geburtstag schon knapp, aber doch hinter sich brachten. Was
schenkt man einem Freund, einer Freundin, die schlagartig ins Senilen-Fach
wechseln mussten? Alles, was irgendwie jugendlich wirkt, könnte beleidigend
wirken. Alles, was nach Lebensabend ausschaut, auch. Vielleicht braucht man überhaupt
nichts mehr in diesem fortgeschrittenen Alter. Ja, die Mühen des Alters. Mein
alter Freund H. brachte zu seinem halben Jahrhundert sein jüngstes Kind mit;
man hat den beiden nicht angesehen, dass sie miteinander schon 53 sind. Die gute
quirlige Marlene hat sich gewissermaßen auch frisch fortgepflanzt, mit einem
neuen Schuhgeschäft, das Marlene heißt. Eine dritte Person der näheren
Bekanntschaft - weiblich, tüchtig, mütterlich - tanzte anlässlich der
Verabschiedungsfeierlichkeiten hinüber ins jenseitige Altersfach alles unter
den Tisch, was Beine hat.
Meine Beobachtungen zur besseren Bewältigung des eigenen Altersfortschreitens
sind durchwegs positiv verlaufen. Bei Männern sogar noch etwas positiver, und
insbesondere dann, wenn sich zu den Jahren auch der Erfolg gesellt hat. Ein
Vorstands-, Fernseh- oder Bankdirektorchen um die fünfzig ist ein junger Spund.
Soll man es noch einmal richtig tuschen lassen, bevor man fünfzig wird, und
dann einfach Ruhe geben? Von dieser ursprünglichen, leicht depressiv
angehauchten Möglichkeit bin ich abgekommen. Was für eine Freude, aus dem Mund
der ORF Generalin zu hören, dass mit dem Zielgruppen-Blödsinn "bis
49" endlich Schluss sein soll. Bleiben wir voll dran und gut drauf.
"Horizont" Nr. 5/05 vom 04.02.2005 Seite: 1
Von: Julia Eder
ORF
rückt Zielgruppe 50+ ins Bild
Handbuch
,Age into Focus - A Television Toolkit' soll die journalistische Darstellung der
älteren Generation beeinflussen
"Wir haben es mit einer neuen Generation von Älteren zu tun, die sich
nicht am Rande der Gesellschaft befinden, sondern mittendrin", betont
Sozialministerin Ursula Haubner bei einer von ORF und der Interessenvertretung
EURAG organisierten Veranstaltung zum Thema "Die Generation 50plus in den
Medien": In den Medien sei die Generation der über 50-Jährigen deutlich
unterrepräsentiert.
Dem kann sich ORF-Generaldirektorin Dr. Monika Lindner nur anschließen:
"Kränkend und diskriminierend" sei die Fixierung der werbetreibenden
Wirtschaft auf die Zielgruppe 12 bis 49 Jahre. In Deutschland gebe es diese
Demarkationslinie erst seit Eintritt der jüngeren, privaten Fernsehveranstalter
1984, und auch in Österreich messe man nun mit dieser Zielgruppe. Dabei seien
Menschen ab 50 "unsere treueste Zielgruppe" - "und die
Werbewirtschaft schaltet mit ihren Mediaplänen völlig an dieser Zielgruppe
vorbei", ärgert sich Lindner. Nicht mehr zeitgemäß sei daher die reine
Zielgruppen-Klassifizierung nach Alter.
Unrealistische Darstellung
Auch die Darstellung der Generation 50plus in den Medien sei großteils
unrealistisch: Gebrechliche, Tauben fütternde Alte würden es genauso wenig
treffen wie der superaktive, weißhaarige Partytiger. "Nicht bei uns",
sagt daher Lindner: Der ORF habe bereits vor einiger Zeit sein Bildarchiv um
Bilder solcherart bereinigt. Und versuche nun, die Zielgruppe so darzustellen,
wie sie sich laut in Auftrag gegebener Karmasin-Umfrage selbst sieht -
"interessiert, lebensbejahend, aktiv, unternehmungslustig, gebildet".
Helfen soll dabei ein von EURAG Österreich (www.eurag.at) gemeinsam mit der
niederländischen Plattform NPOE und einigen TV-Sendern herausgegebenes
Handbuch: "Age into Focus - A Television Toolkit" will TV-Journalisten
und Programmmachern mittels Videobeispielen und Mustersendungen den richtigen
Umgang mit der Zielgruppe 50plus lehren. Neben dem ORF haben unter anderem die
BBC, die italienische RAI und das niederländische Fernsehen mitgewirkt.
"Neue
Kronen-Zeitung" vom
16.02.2005
Seite: 4
Morgen
.
. . will die Intendantin Monika Lindner
...
dass der ORF in seinen Sendungen und Programmen ein korrekteres und faireres
Bild der älteren Generation vermittelt? Warum gehört zu dieser Ankündigung
Mut?
Die
Werbebranche beherrscht nämlich mit ihren Wünschen und Aufträgen die
Programmgestaltung fast aller Fernsehstationen. Nur wenn die Programme die
Zielgruppe ansprechen, gibt es entsprechende Aufträge. Diese Zielgruppen
variieren nach Interessensschwerpunkt und Alter. Aber alle Altersgruppen, die
angesprochen werden, sollen jünger als 50 sein. Die Bevölkerung
"50+" war für die Marketingmanager zur Zeit ihres Studiums und in
ihrer bisherigen Berufspraxis uninteressant und praktisch nicht vorhanden. Auch
alle Erfolgsquoten der Werbung wurden nur für die Altersstufen bis 49 erhoben
und entscheidend auch für die Bevorzugung der Fernsehprogramme. Die Generation
der "50+" bildet für die Werbebranche eine amorphe Gruppe, die
anzusprechen, sich kaum lohnt und die höchstens als Käufer für Altersprodukte
betrachtet werden. Diese verknöcherten Werbestrukturen sollen aufgebrochen
werden. Modernes Marketing muss die Senioren, deren Interessen und Wünsche
entdecken und damit werden sich auch Fernsehprogramme ändern.